Ökonomics: Retouren-Republik Deutschland!

ESG-Brief I Ausgabe 01/2020: Retouren-Republik Deutschland!

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

finden Sie nicht auch? Zur Weihnachtszeit war wieder ganz schön viel los. Oder, wie es der Komiker Karl Valentin in seiner unvergleichlich pointierten Art einmal formuliert hat: „Wenn die stille Zeit vorbei ist, dann wird es auch wieder ruhiger.“

Nur stimmt das leider nicht ganz. Weil der Pullover dummerweise eine Nummer zu klein ausfällt, der neue Thermomix von Tante Trude in der perfekt ausgestatteten Küche nun wirklich keinen Platz mehr findet und das so liebevoll verpackte Buch von Onkel Otto schon längst gelesen ist, beginnt jetzt die Zeit des großen Umtauschens. Das alles wäre vielleicht nicht weiter der Rede wert (weil es, gefühlt, schon immer so gewesen ist), aber auch das stimmt nur noch zur Hälfte. Denn niemals zuvor haben wir so viele Waren retourniert wie heutzutage. Und zwar nicht nur in den Tagen kurz nach Weihnachten, sondern das ganze Jahr über – von Januar bis Dezember.

Womit wir bei einem Thema wären, das weit über die Festtage hinausreicht und eine Disziplin berührt, in der wir Deutschen mittlerweile wahre Meisterschaft erlangt haben. In keinem anderen Land Europas, das offenbart eine Studie des skandinavischen Logistik-unternehmens PostNord unter zwölf Ländern des Kontinents, geht so viel Ware zurück an den Handel wie in der Retouren-Republik Deutschland. 53 Prozent der Bundesbürger schicken ihre online bestellten Artikel nach dem Auspacken wieder zurück an den Absender. In Belgien sind es nur 38, in Polen sogar nur 32 Prozent.

280 Millionen Pakete mit fast 500 Millionen Artikeln gingen so allein im Jahr 2018 zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen auf Retouren-Reise – jedes sechste ausgelieferte Paket, 532 Stück pro Minute. Ein enormer logistischer Aufwand und, ökologisch betrachtet, auch eine Fahrt in die völlig falsche Richtung. Denn die Retouren-Flotte pustet nach Berechnungen von Forschern an der Universität Bamberg eine Abgaswolke von knapp 240.000 Tonnen CO2 jährlich in die Luft – etwa so viel, wie 2.200 tägliche Autofahrten von Hamburg nach Moskau verursachen würden.

Die Realität der digitalisierten Einkaufswelt haben wir uns anders vorgestellt, vor allem sehr viel sauberer. Denn wer vom Sofa aus seine Weihnachtseinkäufe ganz bequem im Internet bestellt hat, lässt sein Auto in der Garage und schont die Umwelt. Der Botendienst DHL kalkuliert dank optimierter Routenplanung und ausgelasteter Transporter mit nur 500 Gramm Kohlendioxid-Ausstoß für jedes zugestellte Paket über die gesamte Lieferkette hinweg – vom Lager des Herstellers bis zur Haustür des Kunden. Verglichen mit den knapp 1.400 Gramm CO2, die ein Autofahrer nach nur zehn Kilometern Shopping-Tour im Schnitt auf seinem Tacho hat, ist das eine hervorragende Bilanz. Aber leider nur theoretisch.

In der Praxis fällt die Öko-Bilanz der Paketdienste wesentlich schlechter aus. Erstens: wegen der Doppel-Fahrten, weil der Kunde beim ersten Mal nicht angetroffen wird. Zweitens: wegen der vom Kunden gewünschten Premium-Zustellung innerhalb von nur einer Stunde, die eine optimierte Routenplanung unmöglich macht. Und drittens: wegen der florierenden E-Commerce-Konjunktur in Summe (für 2019 rechnet der Bundesverband mit einem Umsatzplus von mindestens elf Prozent auf 70 Milliarden Euro), mit der auch die Retouren-Quote von Jahr zu Jahr immer größer wird – vom wachsenden Müllberg aus Papier, Pappe und Karton (mit aktuell 849.000 Tonnen gut siebenmal so viel wie noch vor 20 Jahren) gar nicht zu reden.

Rund 20 Euro kostet den Händler die Retoure im Schnitt. Die eine Hälfte geht für den Transport drauf, die andere für die Bearbeitungszeit, um die Artikel aufzubereiten und dann als A-Ware oder B-Ware weiterzuverkaufen. Weshalb so manche Produkte lieber gleich in die Schrottpresse wandern. Eine Amazon-Mitarbeiterin berichtete im ZDF-Magazin „Frontal 21“, sie würde jeden Tag Waren im Wert von mehreren 10.000 Euro vernichten. Wie viele Produkte auf diese Art entsorgt werden, weiß keiner so genau. Aber offenbar sind es so viele, dass die Bundesregierung jetzt die Einführung einer sogenannten Obhutspflicht prüft, mit der die Händler künftig gezwungen wären, zurückgeschickte Ware weiterzuverwerten. Nur wenn der Weiterverkauf oder eine Spende nicht mehr möglich sei, etwa aus Gründen einer Gesundheitsgefahr, soll die Vernichtung noch erlaubt sein.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht hier nicht darum, uns den Spaß an der digitalen Shopping-Tour zu verderben. Aber vielleicht wäre es angebracht, wenn wir für unsere Retouren etwas zahlen müssten. Schließlich kostet es ja auch Zeit und Geld, wenn wir einen Artikel im stationären Handel zurückgeben, dafür ein paar Kilometer fahren und möglicherweise sogar ein Parkticket lösen müssen.

Nur 2,95 Euro würde es kosten, damit sich der Lieferverkehr spürbar reduziert. Von dem Bamberger Forschungsteam jüngst befragte Online-Händler schätzen, dass schon dieser Kleinstbetrag ausreichen würde, um die Retouren-Quote um 16 Prozent zu senken. Nachteilige Folgen für das Geschäft seien demnach nicht zu befürchten. Zwar verzeichnen Händler, die bereits heute eine Rücksendegebühr verlangen, laut der Studie minimale Umsatzrückgänge (minus 1,4 Prozent), aber keine Verschlechterung ihrer Ergebnisse. Im Gegenteil. Aufgrund ihrer geringeren Retouren-Kosten hat sich ihr Gewinn nicht „spürbar verändert“ (67 Prozent) oder „sogar positiv entwickelt“ (33 Prozent).

Wie auch immer wir die Misere in den Griff bekommen: Am Ende wäre damit allen geholfen. Den Händlern (die ihre Kosten senken könnten), den Kunden (die künftig weniger für ihre Artikel zahlen würden, weil sie die Ketten-Retournierer nicht länger mitsubventionieren müssten) und zu guter Letzt auch der Umwelt (die dann mit weniger CO2 belastet wäre). Ach ja: Und ein bisschen weniger Hektik für uns alle würde das wohl auch bedeuten.

Das wünsche ich Ihnen für 2020 – ein erfolgreiches neues Jahr ohne unnötigen Stress.

Ihr