Ökonomics: Digital Green Deal!

ESG-Brief I Ausgabe 02/2020: Digital Green Deal!

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

die Rollen von Gut und Böse sind in der aktuellen Klimadebatte ziemlich klar verteilt. Auf der Anklagebank sitzen die üblichen Verdächtigen: die Kohlekraftwerke, die unsere Schwerindustrie am Laufen halten, die hubraumstarken Geländewagen, die in der Zulassungsstatistik einen Rekord nach dem anderen einfahren, und natürlich auch die Landwirte, die mit ihren Methan-ausrülpsenden Rinderherden zur CO2-Misere in nicht unerheblichem Maß beitragen.

Zu den Guten in diesem Spiel zählen neben den Windparkbetreibern im hohen Norden und den Öko-Supermärkten um die Ecke gewöhnlich auch die Digitalkonzerne, die uns versprechen, dass wir dank technologischer Innovationen bald sehr viel nachhaltiger wirtschaften können. Dann nämlich, wenn das Internet der Dinge die Regie erst einmal vollständig übernommen hat, Smart Cities ihren Energiebedarf durch kluge Vernetzung drastisch reduzieren und unsere Auto- und Logistikflotten mittels intelligenter Sensorik endlich ohne Staus über die Straßen rollen. Die Digitalisierung, sie gilt gemeinhin als Teil der Lösung des Klimaproblems, keinesfalls als dessen Ursache.

Nur, ganz so einfach ist die Angelegenheit leider nicht. Denn das Internet als infrastrukturelle Basis der Digitalisierung hat einen unsichtbaren Auspuff, einen ziemlich großen sogar. Eine einzige Anfrage über Googles Suchmaschine verursacht – je nach Expertenrechnung –  zwischen 0,2 und 1,45 Gramm Kohlendioxid. Das klingt nach wenig, entspricht bei weltweit 3,8 Millionen Suchanfragen pro Minute nach konservativster Hochrechnung aber einem Ausstoß von mindestens 760 Kilogramm CO2. Und zwar innerhalb von nur 60 Sekunden. Wäre Google ein Auto, würde die Suchmaschine in etwa so viel Abgase in die Luft blasen wie ein Pkw mit herkömmlichem Verbrennungsmotor, der alle zehn Minuten einmal um die Welt fährt.

Das Problem ist nicht der PC auf dem Schreibtisch und auch nicht das Smartphone in der Hosentasche. Es sind die unsichtbaren Maschinen hinter den Maschinen, die jede Menge Strom verbrauchen. Also die Millionen von heiß laufenden Servern in den Rechenzentren dieser Welt, die unsere gewaltigen Informationsmengen verarbeiten, auf 22 bis 24 Grad heruntergekühlt werden müssen und in der Cloud bereithalten, was wir permanent abrufen. Zum Beispiel all die Filme, die wir über Netflix oder Amazon Prime konsumieren.

Eine Studie des französischen Thinktanks Shift Project kam jüngst zu dem Ergebnis, dass allein die Video-Streaming-Dienste weltweit für mehr als 300 Millionen Tonnen CO2 jährlich verantwortlich zeichnen – ungefähr die gleiche Menge, die ein Land wie Spanien emittiert. In Summe, schätzen die Forscher, ist der globale Datentransfer mittlerweile für knapp 4 Prozent aller Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich – weit mehr, als der internationale Flugverkehr verursacht.

Vom Neologismus Flugscham ist aktuell oft die Rede. Dabei wäre Klickscham sehr viel angebrachter. Denn das ist die wahre Sendung mit der Maus: Jedes Mal, wenn wir ein neues YouTube-Video starten, uns via Smartphone in das bestbewertete Restaurant der nahen Umgebung navigieren lassen oder E-Mails an Freunde und Geschäftspartner verschicken (knapp 850 Milliarden E-Mails jährlich sind es allein in Deutschland), ticken in den Rechenzentren von Tennessee bis Taiwan die Stromzähler. Nur ist uns das längst nicht so bewusst wie der CO2-Ausstoß, der sich ergibt, wenn ein Airbus A380 mit Maximalschub in den Himmel startet.

SAP, der größte Software-Konzern Europas, unterhält allein in der Region rund um Walldorf mehr als 20.000 Server. Der Strombedarf dafür: ungefähr vergleichbar mit dem Verbrauch von mehreren Kleinstädten. In Frankfurt, mit der Betreibergesellschaft DE-CIX und einem Datendurchsatz von mehr als sieben Terabit pro Sekunde einer der wichtigsten Internetknoten der Welt, verschlingen die Rechenzentren bereits 20 Prozent des Stromverbrauchs der Main-Metropole. Und damit dürfte der Energiehunger der Server noch lange nicht befriedigt sein. Jedes Jahr wächst das Datenvolumen im Netz exponentiell und dementsprechend auch die dafür notwendige Power. Wäre das Internet ein Land, würde es laut Greenpeace-Erhebungen längst auf Platz sechs der weltweit größten Stromverbraucher rangieren – gleich hinter Ländern wie Russland und Japan.

Je nachdem, welche Expertenschätzung man zurate zieht, kommt man zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Mal soll sich der Stromverbrauch durch die Informationstechnologie bis 2030 verdoppeln, mal sogar noch weiter steigen. Allein der neue Mobilfunkstandard 5G wird den Energiebedarf der hiesigen Rechenzentren bis 2025 laut einer Auftragsstudie von E.on um zusätzlich 3,8 Terawattstunden Strom erhöhen – ausreichend, um die Städte Köln, Düsseldorf und Dortmund ein Jahr lang mit Energie zu versorgen.

Kein Wunder deshalb, dass EU-Vizepräsidentin Margrethe Vestager erst kürzlich darauf hinwies, dass die Klimaziele der Europäischen Union nur erreichbar seien, wenn sich auch das Internet in den Dienst der Nachhaltigkeit stellt. „Mit der Digitalisierung wird der Energieverbrauch zunehmen“, sagt sie. „Wir müssen mit dem Green Deal Technologien entwickeln, um den Energieverbrauch zu minimieren und die Energieeffizienz zu verbessern.“

Immerhin, die Digitalkonzerne haben die Herausforderung angenommen und entdecken jetzt reihenweise ihr grünes Gewissen:

Amazon, der weltgrößte Online-Händler, hat angekündigt, in vier Jahren 80 Prozent seines Strombedarfs aus regenerativen Quellen beziehen zu wollen. 2030 will Jeff Bezos seinen Konzern dann komplett auf Grün umgestellt haben und zehn Jahre später sogar klimaneutral wirtschaften – wenn er auch seine Pakete mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen ausliefern lässt.

Neha Palmer, bei Google Leiterin für globale Infrastruktur, verweist nicht ohne Stolz darauf, dass der Konzern aus Mountain View seine Rechenzentren heute siebenmal effizienter betreibt als noch vor fünf Jahren und bereits seit 2017 so viel regenerativ erzeugte Energie am Markt aufkauft, dass er damit 100 Prozent seines Stromverbrauchs decken kann.

Und Microsoft, das hat CEO Satya Nadella gerade erst zu Protokoll gegeben, will bis zum Jahr 2030 sogar klimanegativ werden und der Atmosphäre dann mehr Kohlendioxid entziehen, als sein Unternehmen selbst produziert. Ja, mehr noch: Bis 2050 will der Konzern laut seinen Aussagen das ganze CO2 aus der Umwelt entfernt haben, das Microsoft seit Gründung im Jahr 1975 entweder direkt oder durch seinen Stromverbrauch verursacht hat.

Die Digitalisierung kann uns im Kampf gegen den Klimawandel helfen, aber nur dann, wenn sie ihre Öko-Bilanz weiter optimiert. Etwa durch noch effizientere Server oder wenn die Abwärme aus den Rechenzentren in die Heizungen der Umgebung fließen würde, statt in den Kühlschränken der Serverräume ungenutzt zu verpuffen. „Sonst schafft die Technik eines Tages mehr Probleme, als sie lösen kann“, schreibt Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts für Digital Engineering, in einem Gastbeitrag für den „Spiegel“.

Übrigens: Auch dieser Brief hat leider zur Klimaerwärmung beigetragen. Ich weiß nicht mehr genau, wie viele Google-Anfragen ich deshalb gestellt habe. Aber so einige Gramm CO2 werden dabei wohl zusammengekommen sein.

Ihr