Ökonomics: Investors for Future!

ESG-Brief I Ausgabe 10/2019: Investors for Future!

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

seit nunmehr einem Jahr berichten wir in unserem Ökonomics ESG-Brief über das wohl drängendste Problem der Jetzt-Zeit, die drohende Klimakatastrophe. Nicht etwa, weil wir hier die Apokalypse beschwören wollen, sondern weil wir auf der Suche nach effektiven Lösungen sind, wie sich das Fieber der Erde schnellstmöglich senken lässt.

Schon beim Start unseres kleinen Projekts war uns sehr bewusst, dass wir diese Herausforderung nur gemeinsam meistern können. Im konstruktiven Gespräch mit Politikern und Wissenschaftlern, Experten aus der Finanz- und Immobilienwirtschaft, von NGOs und Ratingagenturen. Einen Dialog aller Beteiligten wollten wir mit diesem ESG-Brief in Gang setzen – ein Thinktank für den besten Weg in unsere Zukunft. Investors for Future sozusagen.

Diesen Thinktank haben wir jetzt ins Leben gerufen – auf unserem ersten Ökonomics Investor Summit in München Mitte September. Ich gebe ehrlich zu, der Termin war bereits lange im Vorfeld geplant, aber er hätte nicht besser passen können als eben genau in diese Woche. In Berlin tagte zur gleichen Zeit das Klimakabinett unter Kanzlerin Angela Merkel. In Paris, Sydney, Kapstadt und vielen anderen Städten zogen Millionen Menschen für mehr Umweltbewusstsein auf die Straße. Und in New York, am Sitz der Vereinten Nationen, empfing UN-Generalsekretär António Guterres die Staatschefs aus aller Welt zu seinem jüngsten Klimagipfel.

Hier nun einige ausgewählte Spotlights aus unserem Ökonomics Investor Summit, kurz für Sie zusammengefasst (Foto-Impressionen und Ökonomics-Trailer unter www.oekonomics.com).

„Das Momentum der Nachhaltigkeit war noch nie so stark wie jetzt. Zum ersten Mal gibt es Gesetze für Klimaschutzziele auf europäischer und deutscher Ebene, die einen stabilen Rahmen für nachhaltige Investments setzen“, sagt Dr. Werner Schnappauf, früherer Staatsminister für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz in Bayern und heute unter anderem Mitglied im Rat für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. „Das ist ein historischer Durchbruch, der mich optimistisch stimmt, dass wir unsere Ziele auch tatsächlich erreichen können. Dazu müssen wir jetzt entschlossen und schnell handeln und ein nachhaltiges Europa schaffen.“

„Verzicht auf persönlicher Ebene alleine ist keine Lösung“, postuliert Anders Levermann, Professor für Physik und einer der renommiertesten Klimawissenschaftler des Landes am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Zwar sei es lobenswert, wenn der Einzelne sich umweltbewusst verhält, weniger Auto fährt, weniger fliegt oder weniger Fleisch isst. Aber unterm Strich bringt das nicht viel. „Wir müssen unsere CO2-Emissionen in den nächsten 30 Jahren auf null fahren“, sagt er. Ansonsten kommen auf die Erde ungemütlich heiße Zeiten zu – im schlimmsten Fall mit einem Temperaturanstieg von etwa fünf Grad bis zum Jahr 2100.

So weit muss es allerdings nicht kommen. Noch ist es nicht zu spät, um das Worst-Case-Szenario abzuwenden, rein physikalisch betrachtet. „Nur brauchen wir dafür grundlegend andere Strukturen der Energieerzeugung, die über Dekaden und Landesgrenzen hinweg auf politischer Ebene beschlossen werden müssen“, sagt Levermann. „Klar ist, dass wir mit der wachsenden Weltbevölkerung künftig noch mehr Energie verbrauchen werden. Aber sie darf eben keinen Dreck mehr erzeugen. Allein die Kraft der Sonne würde bei Weitem ausreichen, um uns alle mit der notwendigen Energie zu versorgen. Wir müssen sie nur anzapfen.“


Dem umfassenden Themenbereich „Klimawandel und Kapitalanlagen“ widmet sich auf unserer ESG-Konferenz – neben Matthias Kopp, Head of Sustainable Finance beim WWF, Rolf D. Häßler, Geschäftsführender Gesellschafter vom NKI - Institut für nachhaltige Kapitalanlagen, Dr. Johannes Mayr, Leiter Investment Research der BayernLB, Arnd Sieben, CIO bei der BayernInvest, und Susanne Bergius, Fachjournalistin – auch Marcus Mecklenburg, Chef der Rechtsabteilung beim Deutschen Fondsverband BVI. Aktuell verwaltet die Fondsbranche ein Rekordvermögen von gut 3,2 Billionen Euro. Sehr viel Geld, das aber auch eine entsprechende Verantwortung mit sich bringt. „Wir sind sozusagen der Mittel zum Zweck. Der Hebel, um die Investorengelder jetzt in die richtige Richtung zu lenken“, sagt Marcus Mecklenburg. Mit dem EU-Aktionsplan Substainable Finance werden dafür gerade die Weichen gestellt. 70 Prozent der Portfolios sollen künftig in ökologisch nachhaltige Anlagen fließen, schon ab November nächsten Jahres.

„Ein sehr ambitioniertes Ziel“, sagt Mecklenburg, „weil die Taxonomie dafür noch weitgehend fehlt, aber deshalb kein falsches Ziel.“ Natürlich könne und wolle die Branche ihren Anlegern nicht vorschreiben, wie sie ihr Geld anlegen sollen. Und es müsse auch gewährleistet sein, dass die Investitionen nicht nur in Unternehmen fließen, die bereits nachhaltig wirtschaften, sondern auch in solche, die auf dem besten Weg dorthin sind. Eine Transition in  Transaction also. Der Fondsmanager als verlässlicher Begleiter für sinnvolle, aber auch weitsichtige Investitionsentscheidungen. Sorge bereitet Mecklenburg (bei aller Richtigkeit des EU-Aktionsplans) nur die leidvolle Erfahrung, dass die Kommission mitunter zur Überregulierung neigt.

Mit einer Sorge ganz anderer Art räumt unterdessen Guido Giese auf, promovierter Mathematiker und Executive Director im Core-Equity-Research-Team von MSCI. Ihn treibt seit Jahren die Frage um, ob nachhaltige Investments unterm Strich denn nun eine bessere oder schlechtere Performance bringen. Zwei Grundsatzargumente prallen hier aufeinander. Erstens: die Ansicht, dass ESG-Kriterien zwangsläufig eine Einschränkung im Portfolio darstellen und die Performance deshalb auch nach unten drücken. Und zweitens die Annahme, dass nachhaltig wirtschaftende Unternehmen am langen Ende zu den Gewinnern zählen müssen. Mit bloßen Vermutungen indes will sich Giese nicht zufriedengeben und hat den Zusammenhang in einem umfassenden ökonometrischen Modell untersucht. „Wir konnten damit eindeutig nachweisen, dass Unternehmen mit einem guten ESG-Rating bei allen wichtigen Kennzahlen, ob Earnings, Gross Profits oder Cashflow, signifikant besser abschneiden als Unternehmen mit einem schlechten Rating“, sagt Giese. „Und wir konnten darüber hinaus zeigen, dass in diesen Unternehmen mit dreimal geringerer Wahrscheinlichkeit die Dinge mal so richtig aus dem Ruder laufen.“ Die risikoadjustierte Performance nachhaltiger Kapitalanlagen ist somit nachweislich besser.

Eine wichtige Erkenntnis, die auch die weiteren hochkarätigen Referenten und ESG-Experten wohl sofort unterschrieben hätten. Sie selbst überzeugten mit weiteren Impulsen für nachhaltiges Investieren. Karsten Traum, Bereichsleiter Unternehmensentwicklung bei der DKB, gab eine Tour d’Horizon über die Nachhaltigkeit als strategisches Rational bei der DKB. Jochen Schenk, Vorstandsvorsitzender der Real I.S., geht der Frage nach, wie Klimaschutz und Immobilien am besten in Einklang zu bringen sind, und die zwei ESG-Experten der BayernInvest, Heinrich Oberkandler und Sascha Riedl, stellen den Konferenz-Teilnehmern vor, wie ESG ins Asset Management integriert werden kann.

Schließlich, mit Blick nach vorne, redete Prof. Dr. Kai C. Andrejewski, Regionalvorstand Süd der KPMG, der „Perspektive Sustainable Finance“ sogar als neue Form des Kapitalismus das Wort. Ein Ausblick, der auf dem abschließenden Panel „Erfolgsfaktoren für eine Transformation in eine nachhaltige Zukunft“ für weiteren Diskussionsstoff sorgte. Auf dem Podium: Prof. Dr. Barbara Scheck, Professorin für Entrepreneurship an der Munich Business School, Alexander Mertz, Sprecher der Geschäftsführung der BayernInvest, und Prof. Dr. Anders Levermann. 

Das sind viele neue Impulse sowie gute Daten und Fakten, die Lust auf mehr und Mut machen. Mut macht mir persönlich auch ein Appell der Initiative „Investor Agenda“, unterschrieben von gut 500 Großinvestoren weltweit und veröffentlicht nur einen Tag nach unserem Ökonomics Investor Summit in München. Gemeinsam verwalten diese Investoren ein Vermögen von 35 Billionen US-Dollar, darunter Unternehmen wie die Allianz oder die Munich Re. Sie alle fordern in ihrem Appell eine deutliche Verschärfung der nationalen Klimaziele, den Preis für den Ausstoß von CO2 drastisch zu verteuern, aus der Kohle auszusteigen und staatliche Subventionen für fossile Energieträger sofort abzuschaffen. Ja, und Mut macht mir auch, dass wir, die BayernInvest, nun bis zum Jahr 2025 alle in eigener Verantwortung gemanagten Portfolios mit dem 1,5-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens in Einklang bringen; dies in Abstimmung mit den jeweiligen Anlagestrategien unserer Kunden.

Seien wir gemeinsam mutig! Lassen Sie uns „Nachhaltig. Zukunft. Gestalten.“

Ihr

Das wahre Leben des Autors: Die herbstliche Abendsonne kitzelt mich auf der Nasenspitze.Genüsslich gieße ich mir von dem golden schimmernden Weißwein in mein Glas und lehne mich auf dem Liegestuhl auf unserer Terrasse zurück. Ah, was für eine angenehme Ruhe! Seit Langem zünde ich mir das erste Mal wieder ein Zigarillo an. Da stürzt mein Sohn aus dem Haus und ruft: „Papa, was machst du da?! Der Rauch ist schlecht fürs Klima UND für deine Gesundheit!!“ Ich bin kurzfristig geneigt, mit Herrn Prof. Levermanns These „Verzicht ist keine Lösung“ in die Vater-Sohn-Debatte einzusteigen, lege dann jedoch reumütig nickend das Zigarillo zur Seite - und trinke das Glas Weißwein in einem Zug aus.

Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.