Ökonomics: Schöne neue Fabriken!

ESG-Brief I Ausgabe 11/2019: Schöne neue Fabriken!

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

von null auf hundert in 2,8 oder 3,2 Sekunden. Unter der Haube: wahlweise 680 oder 761 PS. Und eine garantierte Spitzengeschwindigkeit von 260 km/h. Das sind Leistungsdaten, die das Herz eines jeden Sportwagenenthusiasten höherschlagen lassen. Aber lässt sich mit einem solchen Geschoss auch ohne Reue rasen?

Die Antwort der Porsche-Ingenieure ist eindeutig: Yes, we can. Mit ihrem neuen Taycan (eine Wortschöpfung aus dem orientalischen Sprachraum, wo der Begriff sinngemäß für die Seele eines ungestümen, jungen Pferdes steht) schrauben die Techniker in Zuffenhausen jetzt ihre ersten vollelektrifizierten Sportwagen in den Modellvarianten Turbo und Turbo S zusammen – emissionsfreie Tesla-Jäger, made in Germany.

Damit ist allerdings nur der erste Teil der Geschichte erzählt. Mindestens ebenso spannend ist der zweite Teil. Denn dieser neue Sportwagen soll nicht nur auf der Produkt-, sondern auch auf der Produktionsseite zum grünsten aller Porsches werden. Gut 700 Millionen Euro hat das Unternehmen in seine neuen Fertigungsanlagen investiert. Der Strom stammt aus regenerativen Quellen, die Produktionsgebäude selbst sind energieeffizient konzipiert. „Unsere Vision ist die Zero-Impact-Company, also ein Unternehmen ohne negative Auswirkungen auf die Umwelt“, sagt Porsche-Chef Oliver Blume. „Ein Beispiel dafür ist,  dass der Taycan hier vor Ort bereits komplett CO2-neutral produziert wird.“

Womit wir bei einem Thema wären, das weit über Porsche hinausreicht und die Manager in den Vorstandsetagen auch andernorts gerade sehr intensiv beschäftigt. Volkmar Denner, Chef des Automobil-zulieferers Bosch, hat angekündigt, dass sein Konzern schon ab nächstem Jahr an allen gut 400 Standorten weltweit klimaneutral wirtschaften will – von der Entwicklung über die Produktion bis hin zur Verwaltung. Mercedes-Boss Ola Källenius hat sich dieses Ziel für alle Daimler-Werke in Europa bis 2022 gesetzt. Und selbst RWE, mit seinen Kraftwerken aktuell noch für einen Ausstoß von 118 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich und damit für weit mehr als jedes andere DAX-Unternehmen, soll nach den Vorstellungen von Konzernchef Rolf Martin Schmitz bis 2040 den Weg zum karbonneutralen Saubermann geschafft haben.

Fragt sich nur, wie das im Einzelfall gelingen kann. Was muss geschehen, damit die Schornsteine der Industrie nicht länger rauchen oder sich der ökologische Fußabdruck im produzierenden Gewerbe zumindest auf Kinderschuhgröße reduziert? Reicht dafür schon die Umstellung des Strombezugs auf regenerative Energien (die in dieser Größenordnung dann hoffentlich auch zur Verfügung stehen)? Oder müssen darüber hinaus nicht vielleicht auch die Produktionsstandorte der Wirtschaft selbst, ihre Verwaltungsgebäude und Fertigungshallen, ganz neu gedacht werden?

Im konventionellen Haus- und Wohnungsbau (momentan verursacht der Immobiliensektor immerhin fast ein Drittel aller CO2-Emissionen und gilt deshalb auch als ein zentraler Hebel zum Erreichen der Klimaschutzziele) gibt es längst taugliche Lösungen, wie sich unsere Gebäude auf Diät setzen lassen. Die FertighausWelt in Wuppertal etwa liefert ein Beispiel dafür. Die 19 Effizienzhäuser Plus dort nutzen für ihren Energiebedarf nicht nur regenerative Quellen, sondern sind darüber hinaus so klug untereinander vernetzt, dass die Überschüsse in dem einen Haus dem Nachbarhaus zugutekommen. „Mit dem Effekt, dass der Strombezug aus dem öffentlichen Netz im Quartier um rund 20 Prozent gesunken ist“, sagt Philip Leistner, Professor an der Universität Stuttgart und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik, das die Musterhaussiedlung wissenschaftlich begleitet und evaluiert hat.

Die Visionen der Zukunftsforscher reichen indes bereits sehr viel weiter. Sogenannte Aktivhäuser sollen schon bald wie Kraftwerke funktionieren und mehr Energie erzeugen, als sie selbst verbrauchen. Multifunktionale Fassaden könnten dann Lärm und Schadstoffe aus der Luft filtern. Und mittendrin steht die „Ultraeffizienzfabrik“, die nach den Vorstellungen der Experten vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) künftig „so verlustfrei produziert wie ein Apfelbaum seine Äpfel“.

Eine solche Fabrik wird laut IPA-Erklärvideo, launig vorgetragen vom Physiker und Entertainer Vince Ebert, weder Krach noch Dreck verursachen. Sie soll die zugeführten Materialien zu 100 Prozent wiederverwerten, sich problemlos ins städtische Umfeld integrieren lassen und damit auch die Anfahrtswege der Mitarbeiter reduzieren. Ja, mehr noch: Eine solche Fabrik im urbanen Umfeld könnte nach Ansicht der IPA-Forscher künftig sogar einen positiven Beitrag zur Wohnumgebung leisten – zum Beispiel durch die Nutzung der industriell erzeugten Abwärme in Form eines effektiven Fernwärmenetzes für die Häuser in der Nachbarschaft.

Zugegeben, das alles wird sich nicht so schnell realisieren lassen. Aber die Ideen im Einzelnen sind deshalb keine bloße Science-Fiction mehr. Das BIQ in Hamburg-Wilhelmsburg etwa, ein vielbeachtetes Projekt der Internationalen Bauausstellung, bewies schon 2013, dass Gebäudehüllen heute weit mehr können als nur Schutz vor Nässe und Kälte bieten. In der Bioreaktorfassade des Gebäudes werden Mikroalgen gezüchtet, aus denen sich Gas für die Energieversorgung gewinnen lässt.

Oder nehmen wir die Fassade des Manuel-Gea- Gonzáles-Krankenhauses in Mexiko-Stadt, ebenfalls schon 2013 in Betrieb genommen. Wie ein großer, weißer Schweizer Käse sieht die Gebäudehülle an der viel befahrenen Avenida Calzada de Tlalpan von außen aus, voller Löcher und Durchbrüche. Sie ist mit einer superdünnen Titandioxidschicht ummantelt, die nach Berechnungen der Berliner Ausstattungsfirma Elegant Embellishments so viel Smog neutralisieren kann, wie 1.000 Autos täglich ausstoßen.

Das sind ganz konkrete Beispiele für klimafreundliche Gebäude, die auch in der produzierenden Wirtschaft auf immer mehr Interesse stoßen. So testet Porsche am Standort Zuffenhausen für die Taycan-Fertigung jetzt ebenfalls eine Oberflächentechnologie mit titandioxid-beschichteten Aluminium-Fassadenelementen. In einem ersten Pilotprojekt haben die Techniker heraus-gefunden: Auf einer Fläche von nur 126 Quadrat-metern lässt sich damit die Arbeit von zehn Bäumen verrichten. „Wenn die Auswertung der Ergebnisse unsere Erwartungen bestätigt, steht dem Einsatz der stickstoffdioxid-absorbierenden Oberflächentechnologie an weiteren Gebäuden und Flächen nichts im Wege“, sagt Produktions- und Logistikvorstand Albrecht Reimold.

Noch ein letzter Gedanke in Sachen Porsche und Geldanlage: In einer groß angelegten Studie, veröffentlicht im renommierten Journal of Finance, stellten sich amerikanische Finanzmarktforscher kürzlich die Frage, was das Auto eines Fondsmanagers über dessen Anlagequalitäten aussagt. Ihr Ergebnis: Je PS-schwerer sein Auto ist, desto riskanter legt er das Geld seiner Kunden an. Die Logik dahinter: Wer auf der Autobahn gerne so richtig Gas gibt, zeigt auch an der Börse eine Vorliebe für Titel mit stark schwankenden Kursen. Er tradet hin und her, was die Kosten in die Höhe treibt und die Performance trübt. Im Vergleich zu den Fahrern braver Minivans machen die Sportwagenfans laut Untersuchung 2,9 Prozent weniger Rendite pro Jahr.  

Wie sich andererseits ein alternativer Antrieb wie Elektro oder Wasserstoff im Auto eines Fondsmanagers auswirkt, bleibt einer weiteren Untersuchung vorbehalten. Das (Wunsch-)Ergebnis? Er managt seine Anlagen ESG-orientiert und erzielt bessere risikoadjustierte Renditen.

Ihr

Das wahre Leben des Autors: Seit gut einem Jahr schreibe ich Ihnen nun monatlich und meine Familie grüßt Sie an dieser Stelle augenzwinkernd mit einer kleinen Anekdote. Dieser Brief war für uns als Familie tatsächlich der Anfang eines nachhaltigeren Lebensstils – die Veränderung hat uns neue Horizonte eröffnet, Freude und Genugtuung gebracht. Ihnen, als unseren Kunden, wohl ebenso: 70 Prozent der uns von Ihnen anvertrauten Neumandate sind bereits heute rein ESG-orientiert. Das macht uns sehr zuversichtlich, dass wir gemeinsam auf dem richtigen Weg sind, und, ehrlich gesagt, macht uns das auch ein bisschen stolz – beruflich wie privat. Herzlichen Dank für Ihr Vertrauen!

Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.