Ökonomics: Die Vermessung des Wohlstands

ESG-Brief I Ausgabe 12/2019: Die Vermessung des Wohlstands

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

normalerweise beschäftigen wir uns hier nicht mit Parteitagspolitik. Doch der jüngste Beschluss der Grünen, gefasst auf der 44. Bundesdelegiertenkonferenz in Bielefeld Mitte November, scheint mir eine Ausnahme wert. Denn schließlich geht es darin um nichts weniger als die Zwangspensionierung der wohl mächtigsten Zahl der Wirtschaftswelt – fast so bedeutend wie das Gravitationsgesetz von Sir Isaac Newton für die moderne Physik.

Die Rede ist vom Bruttoinlandsprodukt (BIP), dem Gradmesser für den Wohlstand der Nationen, gewissermaßen der Personalausweis für die Leistungsfähigkeit einer jeden Volkswirtschaft. Seine Entwicklung ist die Basis der nächsten Steuerschätzung, beeinflusst maßgeblich die Investitionsbereitschaft der Unternehmen und auch den Ausgang künftiger Tarifverhandlungen. Ja, mehr noch: Diese Zahl entscheidet wie keine zweite über das Ansehen eines Landes in dieser Welt, sein politisches Gewicht und am Ende auch über seine Kreditwürdigkeit auf den internationalen Finanzmärkten.

Und genau diese Zahl wollen die Grünen als derzeit zweitstärkste Kraft im Land jetzt am liebsten abschaffen. Im angenommenen Leitantrag der Parteispitze um Annalena Baerbock und Robert Habeck heißt es: „Das Bruttoinlandsprodukt ist ein schlechter Indikator für Wohlstand und Lebensqualität, es ist blind für die sozialen Folgen und die ökologischen Schäden unseres Wirtschaftens.“ Und weiter: „Um den universalen Anspruch der Menschen auf Würde, Freiheit und Glücksstreben innerhalb der planetaren Grenzen zu erfüllen, brauchen wir eine andere Form, Wohlstand zu messen.“

Nur, worin soll dieser Maßstab bestehen? Wie können wir nachhaltig messen, was uns glücklich und zufrieden macht? Weist womöglich der erst vor wenigen Tagen von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen präsentierte Green Deal den Weg in die richtige Richtung? Hin zu einem Wachstum ohne Wunden und Prosperität ohne Pneumokokken? Das Ziel, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent der Welt umzubauen, ist zweifellos eines der ambitioniertesten Projekte in der Geschichte der Gemeinschaft. Eben der sprichwörtliche Mann-auf-dem-Mond-Moment. Aber sollten wir deshalb auch gleich das BIP als wichtigste Kennziffer unseres wirtschaftlichen Handelns mit verabschieden?

Es war Robert Kennedy, der jüngere Bruder des ermordeten US-Präsidenten JFK, der bereits 1968 zu Protokoll gab: „Das Bruttoinlandsprodukt misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht.“ Gut fünfzig Jahre sind seitdem vergangen, aber die Kritik am Tachometer der Konjunktur ist nicht weniger geworden.

Mehr Staus auf den Autobahnen etwa führen über einen erhöhten Benzinverbrauch zwar zur Steigerung des Sozialprodukts, aber nicht unbedingt zu mehr Wohlbefinden in der Bevölkerung. Ähnlich kritisch: die Kosten für die Beseitigung von Umweltschäden – beispielsweise, wenn wir immer mehr Geld investieren müssen, um die wachsende Nitratbelastung im Grundwasser zu begrenzen. Einen gesellschaftlichen Fortschritt würden wir auch damit nicht assoziieren.

In der BIP-Statistik zählt eben nur die bezahlte Rechnung – ganz gleichgültig, wofür wir unser Geld ausgeben. Oder auch nicht ausgeben. Denn umgekehrt betrachtet, ist die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung für so manchen Fortschritt ebenfalls sehr blind. Was in unserer digitalisierten Welt heute nichts mehr kostet oder zumindest sehr viel weniger als früher, schmälert zwar den gemessenen Wohlstand, nicht aber unseren Reichtum an sich.

Wer via Spotify heute Zugriff auf gut 40 Millionen Musiktitel besitzt, zahlt dafür einen Monatsbeitrag von rund zehn Euro, also nur einen Bruchteil dessen, was er vor zwanzig Jahren für jede einzelne CD hätte zahlen müssen. Sein Entertainment-Angebot hat sich trotzdem vervielfacht. Oder nehmen wir die neuen Formen der Mobilität: Wenn sich fünf Menschen via Carsharing heute ein Auto teilen, wächst das BIP nur noch um eine Produktionseinheit statt wie in früheren Zeiten um fünf. Die Mobilität hat sich deshalb aber nicht unbedingt verringert.

Die Kritik am BIP ist also durchaus berechtigt. Nur sollten wir daraus keine falschen Schlüsse ziehen. Erdacht von klugen Ökonomen und Sozialwissenschaftlern, konkurriert mittlerweile eine ganze Reihe von Indizes, die für sich in Anspruch nehmen, unsere Lebenswirklichkeit besser abzubilden als es die etablierte Statistik kann. Aber leider sind ihre Ergebnisse alles andere als eindeutig.

Nach dem Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen, der neben der Wirtschaftsleistung eines Landes auch Daten über die Lebenserwartung und das Bildungsniveau der Bevölkerung berücksichtigt, ist aktuell Norwegen das beste Land der Welt (Deutschland folgt auf Platz vier). Im Sustainable Development Report (SDG), der die Umsetzung der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele misst (von der Armutsbekämpfung bis hin zum Klimaschutz), rangiert Dänemark in Summe auf Platz eins. Und im Happy Planet Index (HPI) der britischen Denkfabrik New Economics Foundation, der darüber hinaus die subjektive Zufriedenheit der Menschen mit einkalkuliert, stand zuletzt Costa Rica ganz oben auf der Liste und Deutschland ziemlich weit abgeschlagen auf Platz 49. Aber geht es den Bundesbürgern deshalb wirklich schlechter als den Menschen in Zentralamerika? Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf betrug in Costa Rica 2018 gut 12.000 US-Dollar, verglichen mit 47.662  US-Dollar in Deutschland.

Das BIP ist daher weder Wohlstands- noch Glücksindikator, sondern versucht lediglich, die Leistungsfähigkeit eines Landes in einer Zahl zusammenzufassen (im Fall von Deutschland Wirtschaftsaktivitäten von aktuell 3.344 Milliarden Euro) – international standardisiert und absolut vergleichbar, wenn auch mit einigen Blindflecken behaftet. „Das BIP ist ein schlechtes Maß“, sagt deshalb Martin Kocher, Direktor des Instituts für Höhere Studien und Professor am Institut für Volkswirtschaft an der Universität Wien. „Aber es ist das beste, das wir haben, um die Wirtschaft auf einen Wert herunterzubrechen.“

Kein anderer Index hat das bislang geschafft, weil die allgemein akzeptierten Regeln dafür fehlen. Immer sind es sehr persönliche Wertvorstellungen, die jedes Alternativkonzept politisch angreifbar machen. Die einen wollen die Umweltbelastungen stärker in die Gesamtrechnung mit einfließen lassen, die anderen die Bildungschancen der Bevölkerung.

Möglicherweise brauchen wir deshalb auch kein neues Messverfahren, sondern vielmehr ein paar Ergänzungen dafür. Am besten in Form von gesonderten Analysen, um die relative Objektivität des BIP nicht zu verwässern, aber seine Schwachstellen, wo immer das nötig ist, zu korrigieren. Etwa bei der Frage, wie ressourcenschonend wir unser Wachstum erzielen, welche Vermögenseffekte die Digitalisierung jenseits der erfassten Werte in der Produktionsstatistik schafft, bis hin zu der Entscheidung, mit welchem Betrag wir eigentlich jene unbezahlten Tätigkeiten taxieren wollen, die unser Leben zwar verbessern, für die Berechnung des BIP, weil kostenlos erbracht, aber völlig irrelevant sind. Die Kindererziehung etwa oder das ehrenamtliche Engagement der Bürger für Sport, Altenpflege oder Feuerwehr.

Vielleicht aber sollten wir uns bei allen Überlegungen einfach mal ein bisschen mehr über unseren großen Wohlstand freuen – und dabei auch das Glück unserer Kinder in der Welt von morgen nicht aus den Augen zu  verlieren. Dies gilt besonders dann, wenn wieder einmal die Staaten auf einem weiteren Klimagipfel – wie auch auf dem jüngsten in Madrid – leider nicht zur Besinnung kamen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein besinnliches und glückliches Weihnachten 2019.

Ihr