Ökonomics: Die Entdeckung der Langsamkeit

ESG-Brief I Ausgabe 04/2020: Die Entdeckung der Langsamkeit

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

heute melde ich mich aus meinem Zuhause, in einem kleinen Dorf im bayerischen Oberland im Süden Münchens. Home-Office ist angeordnet, wie für so viele von uns. Quasi über Nacht sind wir zu einem Volk von Stubenhockern geworden. Zwangsläufig und notgedrungen. Nach draußen geht es nur noch selten: zum Einkaufen oder für eine kleine Jogging-Runde zwischendurch. Die Restaurants und Cafés im Ort: bis auf Weiteres geschlossen, der Friseur ebenfalls.

Ausgangssperre, Distanz zu unseren Mitmenschen, Kontaktvermeidung von Enkeln und Großeltern, keine Besuche von Freunden mehr. Was uns noch gestern glücklich machte, gilt plötzlich als gemeingefährlich. Hier in meinem kleinen Dorf, so wie fast überall auf dieser Welt. Abstand halten lautet der neue kategorische Imperativ einer Gesellschaft, die auf ihr Miteinander im Normalfall existenziell angewiesen ist – im privaten wie auch im öffentlichen Bereich. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten?

Niemand hat mit diesem todbringenden Feind gerechnet. Unscheinbar klein und ausschließlich unter einem Rasterelektronenmikroskop sichtbar. SARS-CoV-2, gemeinhin Corona-Virus genannt. In rasantem Tempo hat sich das Virus über die Kontinente verbreitet, Volkswirtschaften von Asien bis Amerika schock-gefroren und die Aktiennotierungen in Fieberkurven verwandelt, so alarmierend wie die Vitalparameter auf einer Intensivstation.

Die Fußball-EM, Messen und Kongresse: alles abgesagt oder verschoben. Selbst die Olympischen Spiele werden ein Jahr später stattfinden als geplant. Die schwarze Null gilt nicht länger und der deutsche Nachtragshaushalt mit einem Volumen von gut 150 Milliarden Euro ist schon auf dem Weg. Kein Schreckensszenario, für das am nächsten Tag nicht ein noch schwärzeres Szenario gezeichnet würde.

Die Bundesregierung rechnet für dieses Jahr aktuell mit einem Wachstumsminus von fünf Prozent, das ifo Institut in München im Worst Case (ein dreimonatiger Teilstillstand der Wirtschaft) sogar mit 20,6 Prozent. Die kalkulierten Wohlstandsverluste in diesem Fall: bis zu 729 Milliarden Euro. „Wir reden hier über Größenordnungen, die weit jenseits dessen liegen, was wir aus der Finanzkrise kennen“, sagt Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Damals stand nur das Geschäftsmodell der Banken auf dem Prüfstand. Heute ist es unser Wirtschaftssystem als Ganzes. Nicht umsonst spricht Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, von einer Art Lehman-Brothers-Moment“ für die Globalisierung. Weil die Pandemie den Kritikern des freien Welthandels gerade sehr viel Stoff bietet, ist die Globalisierung jetzt vielleicht sogar eine der am meisten gefährdeten Risikogruppen der neuen Seuche.

Wie ein Virus des Zweifels streut die Corona-Krise Salz in die offene Wunde der Lieferketten-Welt. Muss die internationale Arbeitsteilung jetzt völlig neu überdacht werden? Sollten die Unternehmen ihre Produktion nicht besser zurück ins Inland holen? Ist der nationale Schrebergarten vielleicht krisenresistenter als das unübersichtliche Freigelände von Wuhan bis Wuppertal?

Die Fragen sind gerade sehr viel zahlreicher als die möglichen Antworten darauf. Bestimmt rechnen jetzt auch die Controller noch einmal ganz genau nach: Müssen die Produktionsabläufe wirklich allesamt just in time organisiert sein oder wären ein paar Lagerhallen hier und dort nicht wesentlich angebrachter? Klar, das kostet Geld, aber die möglichen Produktionsstopps durch Lieferkettenausfälle noch sehr viel mehr.

Leichtfertig will keiner das Räderwerk der Weltfabrik zum Stoppen bringen. Denn die Globalisierung hat, anders als von ihren schärfsten Kritikern behauptet, Abermillionen Menschen aus tiefster Armut befreit. Die Löhne in den Schwellen- und Entwicklungsländern haben sich nach Statistiken der Internationalen Arbeitsorganisation ILO in den vergangenen zwanzig Jahren fast verdreifacht. Grund dafür ist die Verlagerung der Produktion in globale Lieferketten. Würden wir diese Fertigung jetzt zurück ins Inland holen (was praktisch kaum vorstellbar ist), wären sehr viele Menschen woanders ihren Job los – und wir selbst ebenfalls sehr viel ärmer.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz hält deshalb auch wenig davon, „die Wohlstandsgewinne aufs Spiel zu setzen“, welche die weltweite Zusammenarbeit uns allen beschert hat, hierzulande und anderswo. „Klug wäre es aber“, sagt er, „die Lieferketten etwas stärker abzusichern – und bestimmte Produkte künftig auch wieder in Europa herzustellen.“

Oder vielleicht sogar auf das eine oder andere Produkt zu verzichten. Brauchen wir eigentlich Erdbeeren mitten im Winter? Valentinsrosen aus Kenia oder Steaks aus Argentinien? Die Wege, die unsere Konsumgüter zurücklegen, sind mit den Jahren immer länger geworden. Selbst eine gewöhnliche Nordseekrabbe kommt nach dem Pulen in Marokko auf eine Transportbilanz von 6.000 Kilometern, bevor sie in einem schleswig-holsteinischen Fischlokal auf dem Teller landet.

Ökologisch betrachtet, und da haben die Globalisierungskritiker recht, sind solche Transportwege fragwürdig – und überhaupt nur möglich geworden, weil die Kosten dafür mittlerweile so marginal wie ein Fliegenschiss sind. Vielleicht ist das Tempo der Globalisierung deshalb auch neu zu bewerten. Wir können den Pharmazeuten, die weltweit nach einem Impfstoff gegen das Corona-Virus fahnden, bei ihrer Arbeit nicht helfen. Aber „wir können Impfstoffe für Wirtschaft und Gesellschaft suchen, damit so etwas nie wieder passiert“, sagt Digitalexperte Christoph Keese.

Ich muss in diesen Tagen häufiger an einen Roman aus dem Jahre 1983 denken. Sten Nadolny: Die Entdeckung der Langsamkeit. Es geht in seinem Buch um den fiktiv verfremdeten, aber historisch verbürgten Konteradmiral John Franklin, der 1818 an Bord der Trent zu seiner ersten Polar-Expedition aufbricht, auf der Suche nach der legendären Nordwestpassage. Von Jugend an verspottet, gelingt es ihm wegen seiner ihm eigenen Gemächlichkeit und genauen Beobachtungsgabe, seine Mannschaft gleich zweimal vor dem Tod im kalten Eis zu retten und sicher zurück nach England zu führen.

Vielleicht brauchen wir jetzt ein bisschen mehr von genau dieser Langsamkeit, um diese und vielleicht noch schlimmere Katastrophen bewältigen zu können. Richard David Precht, Deutschlands fleißigster Handlungsreisender in Sachen Welterklärung und Alltagsphilosophie, sagt, dass die Menschen gerade „mehr Angst um ihr Leben haben als um das Überleben der Menschheit“.

Er meint damit die drohende Klimakatastrophe, die uns mindestens ebenso gefährlich werden könnte, in der öffentlichen Diskussion aber kaum noch eine Rolle spielt. Psychologisch ist das verständlich. Das liegt ganz einfach daran, „dass die nachteiligen Folgen“ in diesem Fall „noch relativ weit in der Zukunft liegen“, sagt Manfred Beutel, Direktor an der Klinik für Psychosomatische Medizin an der Universität Mainz. Unser Angstsystem ist so konstruiert, dass wir vor allem vor Dingen Angst haben, die uns unmittelbar drohen.“

Nachvollziehbar ist das ohne Frage, aber keineswegs vernünftig. Ein Rollback der Klimapolitik wäre das Schlechteste, was uns in dieser Situation passieren könnte. Natürlich wird es jetzt vorrangig darum gehen, wie wir unsere Wirtschaft wieder zum Laufen bringen, Produktionsstillstände aufheben und Arbeitslosigkeit vermeiden. Aber wenn wir aus dieser Krise eines lernen können, so ist es vor allem das: handeln, bevor es zu spät ist.

Vielleicht ist das Virus deshalb „ein Sendbote aus der Zukunft“, wie Trendforscher Matthias Horx in einem vielfach beachteten Essay gerade notiert hat, geschrieben aus der vorweggenommenen Perspektive im Herbst 2020. Die Botschaft des Virus, so beendet Horx seinen Aufsatz, lautet: „Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.“

Den Minsky-Moment nennen Ökonomen einen Zustand, wenn plötzlich alles verrückt spielt. Benannt ist dieser Moment nach einem großen Außenseiter seiner Zunft, dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Hyman P. Minsky, dessen Lehre sich in einem einzigen Satz zusammenfassen lässt: Stabilität gebiert Instabilität. In gesunden Zeiten, weil die Anleger dann immer wagemutiger werden, auf Kredit spekulieren und die Risiken irgendwann als viel zu niedrig taxieren. Und in kranken Zeiten wie den vom Corana-Virus infizierten sowieso, weil sich die Architektur der Finanzmärkte dann als äußerst fragil erweist.

Dieser Logik folgend, werden wir auch nach der überstandenen Corona-Krise ganz bestimmt wieder eine neue Hausse an den Börsen erleben. Für kluge Marktbeobachter kam der Minsky-Moment sicherlich nicht ganz überraschend. Aber viel wichtiger: Wir erleben derzeit zahlreiche „Ökonomics-Momente“. In dieser tiefen Krise zeigen sich viele Unternehmen mit hoher ESG-Qualität deutlich robuster; die Wertverluste sind sichtbar geringer, da ihr Immunsystem stärker ist. Das sollte uns für die Zukunft zuversichtlich stimmen.

In diesem Sinne, bleiben Sie gesund und lassen Sie uns gemeinsam auf das Beste hoffen.

Ihr