Die Neuvermessung der Welt

Ausgabe 05/2020

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

nun wird die Bundesregierung ihr Klimaziel für das laufende Jahr also doch noch erreichen – wenn auch nur gezwungenermaßen. Weil Millionen Menschen seit Ausbruch der Corona-Krise nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren, die Flugplätze zu Parkplätzen geworden sind und die Fabriken vielerorts noch immer stillstehen, dürfte „der Rückgang der CO2-Emissionen“, zurückgerechnet auf das Basisjahr 1990, „bei 40 bis 45 Prozent liegen“, sagt Patrick Graichen, Direktor der Denkfabrik Agora.

Nicht nur hierzulande atmet der Planet Erde jetzt gerade mal wieder richtig durch. Selbst über den Meeren sinkt der Ausstoß an giftigen Klimagasen rapide, seit die Kreuzfahrtschiffe fast allesamt vor Anker liegen und nur noch als Petrischalen voller Viren betrachtet werden. Weltweit, schätzt Rob Jackson, Chairman beim Global Carbon Project, könnten dieses Jahr gut fünf Prozent weniger CO2 die Atmosphäre belasten. Das wäre der stärkste Rückgang seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

In den Kanälen von Venedig ist das Wasser plötzlich wieder klar und der Himmel über Peking ist wieder blau. Nur zu welchem Preis? Die Billionen von Dollars, die Staaten weltweit gerade bereitstellen, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern, würden selbst einen Dagobert Duck in akute Schnappatmung versetzen. Bald jeden Tag beschließen die Regierungen neue Rettungspakete ­­– zuletzt auch die Große Koalition in Berlin mit einer Erhöhung des Kurzarbeitergelds bis auf 87 Prozent und einem ermäßigten Umsatzsteuersatz für die Gastronomie. Die Kosten der Krise für Deutschland und den Rest der Welt: bisher kaum abzuschätzen.

Was unweigerlich zu der Frage führt, wer die Zeche dafür morgen zahlen soll. Und was von den in Paris verabschiedeten Klimaschutzzielen der Vereinten Nationen am Ende noch übrig bleibt. Wird dann noch genug Geld in der Kasse sein, um das Zwei-Grad-Ziel zu verfolgen? Oder werden jene Stimmen Oberwasser gewinnen, die den Klimaschutz in dieser historisch einmaligen Situation eher als Luxusproblem betrachten?

„Nach der Corona-Krise müssen wir prinzipiell alle Sonderbelastungen der deutschen Wirtschaft auf den Prüfstand stellen, die einer Erholung und einer Anknüpfung an unsere bisherige Stärke im Wege stehen“, sagt etwa Wolfgang Steiger, Generalsekretär des CDU-Wirtschaftsrats. Einem deutschen Alleingang in der Umweltpolitik erteilt er eine klare Absage und plädiert stattdessen dafür, dass sich die Bundesregierung auf europäischer Ebene jetzt „für eine zeitliche Streckung der klimapolitischen Zielvorgaben einsetzen“ soll.

Der ursprünglich für November im schottischen Glasgow geplante Weltklimagipfel, auf dem die Staats- und Regierungschefs darüber beraten wollten, wie sie die Erderwärmung konkret stoppen wollen, ist bereits auf das nächste Jahr vertagt worden. Fraglich ist, ob damit nicht noch sehr viel mehr auf die lange Bank rutscht. Andrej Babiš, der tschechische Regierungschef, hat die EU-Kommission bereits unmissverständlich aufgefordert, ihren Green Deal vorerst zu „vergessen“ und sich „stattdessen auf die Bekämpfung der Pandemie zu konzentrieren“.

Nur verschwindet die eine Krise eben nicht, weil wir gerade eine andere bekämpfen. Bei so „tiefen Einschnitten wie im Augenblick“, sagt Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts, sei es ein „typischer Mechanismus“, wenn man „der Wirtschaft eine ambitionierte Umweltpolitik nicht mehr zumuten“ will. Aber, so Messner weiter: „Krisen sind zugleich sehr oft Knotenpunkte von Entwicklungen. Da werden Dinge möglich, die man sich vorher nicht hätte vorstellen können, zum Guten wie zum Schlechten.“

Worauf der studierte Volkswirt und Politikwissenschaftler hinauswill: Es gibt in der derzeitigen Situation kein einfaches Entweder-oder mehr. Kein „Entweder die Wirtschaft retten oder das Klima“. Vielmehr ist jetzt eine Sowohl-als-auch-Strategie die weit klügere Option. Wofür im Übrigen auch die Wirtschaftsvertreter selbst, anders als so manche Lobby-Äußerung vermuten lässt, vehement eintreten.

„Der Kampf gegen die Pandemie darf jetzt keine Ausrede beim Kampf gegen den Klimawandel sein“,  schreibt Daimler-Chef Ola Källenius in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. „Der Erfolg bei der Digitalisierung entscheidet über die Zukunft vieler Unternehmen, der Erfolg bei der Dekarbonisierung entscheidet über die Zukunft unseres Planeten.“ Seine Botschaft lautet deshalb: „Wir stehen zu den beschlossenen CO2-Zielen.“

Mit diesem Bekenntnis steht Källenius keineswegs allein da. Mehr als 60 Unternehmen haben sich im Vorfeld des 11. Petersberger Klimadialogs (der gerade erst per Videokonferenz abgehalten wurde) an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewandt. „Schonungslos“, heißt es in ihrem gemeinsamen Appell, „zeigt die Pandemie die Verletzlichkeit unseres globalisierten Wirtschaftssystems“ auf. „In dieser Hinsicht stellt uns der Klimawandel vor eine vergleichbare Herausforderung, auf die wir im Gegensatz zu Covid-19 besser vorbereitet sind.“

Unterschrieben haben den Appell nicht nur Unternehmen, die von einer ambitionierten Klimaschutzpolitik unmittelbar profitieren würden, sondern auch klassische Industriekonzerne wie thyssenkrupp und Salzgitter, E.on und HeidelbergCement. Sie alle fordern, ganz ähnlich wie die Mitte April von NGOs, CEOs und Politikern gegründete Green Recovery Alliance: Die Maßnahmen zur Wiederbelebung der Wirtschaft müssen nach dem Corona-Crash jetzt ganz eng mit den Maßnahmen zum Schutz des Klimas verzahnt werden.

Die Bereitschaft dazu ist in der Wirtschaft also durchaus vorhanden. Nur etwas mehr Planungssicherheit, ist aus Industriekreisen zu hören, würden sich die Beteiligten wünschen. Denn wer heute Milliarden Euro in seinen klimaneutralen Produktionsumbau investiert, will morgen auch etwas davon haben. Wettbewerbsvorteile zum Beispiel. Das ist nicht verwerflich, sondern nur allzu verständlich.

„Listen to the science.“ Das war schon vor Ausbruch der Corona-Krise der Ratschlag vieler Klimaaktivisten. Aber erst seit der Sars-CoV-2-Virus die Welt in Atem hält, hört die Öffentlichkeit auf das Urteil der Wissenschaftler – wenn vorerst auch nur auf die Expertenmeinung der Virologen. „Meine Hoffnung“, sagt Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan, „ist, dass die Politik auch in der Klimakrise beginnt, den Wissenschaftlern zuzuhören, und deren Empfehlungen umsetzt“.

Das Geld dafür wird gerade ausgegeben – nur muss es auch in die richtige Richtung fließen. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will für die Wiederbelebung der deutschen Automobilindustrie deshalb keine „Eins-zu-Eins-Wiederholung früherer Maßnahmen“ (womit er auf die Abwrackprämie während der Finanzkrise anspielt, die jeden Neuwagenkauf honorierte). Stattdessen, sagt er, sollten wir dieses Mal „den Kauf von Autos mit geringen CO2-Werten fördern“.

Und das ist nur ein Beispiel von vielen, wie der ersehnte Neustart der Wirtschaft Ökologie und Ökonomie miteinander versöhnen könnte. „Diese Krise ist auch eine gewaltige Chance“, sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, Milliarden in Unternehmen und Infrastruktur zu investieren. Warum dann nicht gleich in klimafreundliche Projekte, die der nächsten Generation helfen?“

Das entspricht exakt der Position des Sustainable Finance-Beirats der Bundesregierung, der in seiner neuesten Stellungnahme formuliert: Aus Risikosicht wäre es „unverantwortlich, wenn Konjunkturprogramme mit den vereinbarten Klimazielen nicht in Einklang stehen oder gar kollidieren“. Entsprechend müssten politische Entscheidungsprozesse jetzt konsequent daran ausgerichtet werden, welche wirtschaftlichen Strukturen in der Zukunft als tragfähig erachtet werden. „Dies zahlt sich im Kontext der Finanzmärkte etwa in stabilen und resilienten Märkten aus.“

Resilienz ist das neue Lieblingswort, wenn Manager und Politiker ihre bisherigen Lehren aus der Covid-19-Krise ziehen. Sie alle wollen resilienter werden. Gegen Lieferketten, die mit Ausbruch der Pandemie wie Papiergirlanden zerrissen sind. Und unabhängiger von Produkten aus dem Ausland, die sich plötzlich als systemrelevant erwiesen haben. Atemschutzmasken beispielsweise.

Natürlich wird diese neue Resilienz Geld kosten, den Cashflow kurzfristig schmälern und auf die Gewinne drücken. „Ich weiß nicht, was das alles kosten wird“, sagte Bill Gates, Microsoft-Gründer und mit seiner Foundation heute so eine Art Weltmarktführer in Sachen Philanthropie, als er 2015 in Vancouver als einer der Ersten vor den Folgen einer weltweiten Virus-Katastrophe warnte und hocheffiziente, epidemiologische Einsatztruppen gegen den Ernstfall forderte. „Aber im Vergleich zum Schaden einer Pandemie“, sagte Gates damals, „sind solche Kosten überschaubar“. Das ist in Bezug auf die drohende Klima-Katastrophe nicht anders. Sie abzuwenden, kostet Geld. Sehr viel Geld sogar. Aber dieses Geld dürfte in Zukunft ziemlich gut angelegt sein.

200 Jahre nach Alexander von Humboldts Entdeckungsreisen brauchen wir für die Zukunft nach Corona dringend eine „Neuvermessung der Welt“ zu Gunsten eines nachhaltigen Koordinatensystems für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Ihr

Das wahre Leben des Autors:
Seit Dezember vergangenen Jahres gab es an dieser Stelle keine familiären Zwischenrufe mehr. Der Grund? Kein triftiger. Vielleicht zu wenig Muße oder zu wenig Antworten auf drängende Kinderfragen, aber wahrscheinlich habe ich nur unbewusst Kraft getankt für die Coronazeit hier zu Hause zwischen Videokonferenzen und Homeschooling. Unsere Tochter fragte heute zur Abwechslung mal unseren Sohn: „Weißt du, dass Mädchen schlauer sind als Jungen?“ Unser Sohn: „Nein, das weiß ich nicht." Unsere Tochter: „Siehst du!“

Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.