Alte Werte en vogue

Ausgabe 06/2020

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

vor nunmehr eineinhalb Jahren startete unser monatlicher Ökonomics Investor Letter. Was mich dabei immer wieder besonders freut, sind die vielen positiven Rückmeldungen von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sowie die stetig wachsende „Ökonomics-Gemeinde“. Herzlichen Dank an dieser Stelle für Ihren Zuspruch und Ihr großes Interesse. Diese nicht unbedingt vorhersehbare Entwicklung hat uns dazu bewogen, den Letter ab sofort mit einem Podcast zu begleiten.

Mit unseren Studiogästen greifen wir im neuen Podcast-Format aktuelle Themen aus der „Ökonomics-Welt“ auf, diskutieren aus verschiedenen Perspektiven – auch kritisch und kontrovers –, um unserem gemeinsamen Ziel „Nachhaltig.Zukunft.Gestalten“ etwas näher zu kommen.  

Freuen Sie sich schon heute mit mir auf meinen ersten Gast, Herrn Dr. Werner Schnappauf, Vorsitzender des Rats für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung. Sobald der Podcast abrufbar ist, erhalten Sie umgehend eine Information.

Doch nun lade ich Sie erst einmal ein, mich in eine Branche zu begleiten, die immer wieder „anziehend“ wirkt und hoffentlich im Sinne einer lebenswerten Zukunft vor einem großen Umbruch steht.

Giorgio Armani, der große alte Mann der italienischen Modeindustrie, weiß, dass Krisen wie die gegenwärtige immer auch ein Moment der Wahrheit sind – in seinem Fall offenbar sogar der Läuterung. Dem US-Branchenmagazin WWD sagte er kürzlich: „Es ergibt keinen Sinn“, wenn „meine Sakkos und Anzüge nach nur drei Wochen im Laden bereits obsolet“ geworden sind „und durch fast identische Artikel ersetzt werden“.

Die Situation vor der Corona-Pandemie, so der King of Fashion“ und Imperator des Schlichten“, wie der Designer wahlweise gerne genannt wird, sei absurd“ gewesen. Warum, fragt er, finden wir mitten im Winter nur Leinenanzüge in den Auslagen der Geschäfte und Alpakamäntel mitten im Sommer? „Die aktuelle Notsituation“ zeige, dass „eine intelligente Entschleunigung der einzige Ausweg ist“. Denn das krasse Auseinanderklaffen von Verkaufssaison und Jahreszeiten sei doch quasi schon kriminell“ gewesen.

Nun ja, kriminell ist ein hartes Wort, aber der ökologische Fußabdruck der Branche ist in der Gesamtschau leider das Gegenteil von vorbildlich:

  • Mit 1,2 Milliarden Tonnen CO2 verursacht die Textil- und Bekleidungsindustrie jährlich aktuell mehr Emissionen als das Fliegen und die Kreuzfahrtschifffahrt zusammen. Und auch der Verbrauch giftiger Färbe- und Imprägnierungsmittel ist rekordverdächtig: Ein Viertel aller weltweit eingesetzten Chemikalien, schätzen Experten, geht auf das Konto der Kleidermacher.
     
  • Hundert Milliarden Artikel produzieren sie mittlerweile pro Jahr – doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren. Was die Mode-Impresarios heute auf den Catwalks in Paris, London oder New York präsentieren, hängt schon morgen als preiswerte Kopie in den Schaufenstern der großen Filialisten. Bis zu 24 Kollektionen bieten Zara & Co. der Buy-Society zwischen Januar und Dezember an.
     
  • Worauf die Kundschaft dann auch gerne zurückgreift. Rund 60 Artikel kauft der Bundesbürger im Schnitt jedes Jahr neu dazu. Doch nach nur wenigen Monaten wandert ein Großteil davon schon wieder in den Müll. Pro Sekunde ein Laster voller Kleidung weltweit, wie es die Ellen MacArthur Foundation errechnet hat.

Fast Fashion nennen Beobachter die atemberaubend schnelle Schlagzahl der Modeindustrie – in bewusster Analogie zum Fast Food der Bulettenbrater –, weil sie sehr genau wissen, dass der Klamottenrausch auf Dauer ebenso ungesund ist wie die tägliche Fahrt zum Drive-in-Schalter. In sozialer wie auch ökologischer Hinsicht.

Den Stoffen selbst sieht man ihre schmutzige Herkunft kaum an. Gerade mal sieben Jahre ist es her, seit in Bangladesch (nach China heute der zweitgrößte Kleiderproduzent der Welt) rund 25 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Dhaka das Rana Plaza wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen einstürzte – mit mehr als tausend Toten, zumeist Frauen, die dort zuvor die Hemden und Hosen der internationalen Modekonzerne im Akkord genäht haben.

Ebenso fatal wie die Arbeitsbedingungen in der Branche sind die Folgen für die Umwelt. Baumwolle zum Beispiel ist ein äußerst durstiges Gewächs. Für die Produktion von nur einem T-Shirt werden laut Berechnungen der Nonprofit-Organisation Water Footprint Network rund 2.500 Liter Wasser benötigt, für eine Jeans sogar 8.000 Liter. Und das in Gegenden, wo das kostbare Nass ohnehin sehr knapp ist. In Usbekistan, einer der größten Baumwollproduzenten der Welt, ist vom Aralsee nach Jahrzehnten der Wasserentnahme und ungeklärter Einleitung von Pestiziden heute nur noch eine giftige Lache übrig. 8.300 von ehemals mehr als 68.000 Quadratkilometern, die der viertgrößte Binnensee der Welt einmal gemessen hat.

Der Teufel trägt Prada“, heißt eine US-Filmkomödie mit Meryl Streep und Anne Hathaway in den Hauptrollen. Bezogen auf die internationale Bekleidungsindustrie, müsste der Titel allerdings eher lauten: Der Teufel trägt Plastik. Denn mit Baumwolle allein wäre der Fast-Fashion-Boom nicht möglich gewesen.

Bis zu 70 Prozent aller Kleider, die oft nicht viel mehr kosten als eine Schachtel Zigaretten, entstehen heute aus Kunstfasern – in erster Linie aus Polyester, billig hergestellt überwiegend in China. Was die Umweltbilanz unterm Strich leider nicht besser macht. Die langen Molekülketten sind äußerst zählebig und brauchen Jahrhunderte, bis sie von der Natur abgebaut werden.

Mit jedem Waschvorgang gelangen die Mikrofasern aus den Fleece-Pullis ins Wasser, erst in die Flüsse und dann in die Meere. Nicht so sehr in Europa, aber überall dort, wo das Abwasser ungeklärt in die Natur fließt. Von den rund 1,5 Millionen Tonnen Mikroplastik, die so jedes Jahr in den Ozeanen landen, stammen laut Weltnaturschutzunion IUCN zwei Drittel aus Textilfasern.

Das Problem war in der Branche wohl bekannt, schon lange bevor die Corona-Pandemie alle Beteiligten in Quarantäne geschickt hat:

  • An Alternativfasern zu Polyester und Acryl wird eifrig geforscht. Ein Hoffnungsträger der Industrie heißt Lyocell, ein nachwachsender Rohstoff aus Zellulose.
     
  • Zalando setzt unterdessen auf eine längere Lebensdauer der Textilien, weshalb Deutschlands größter Modeversender ab Herbst dieses Jahres nun auch Secondhand-Ware verkaufen will.
     
  • Und selbst Donatella Versace, die mit ihrem Namen bisher eher für Überfluss bis hin zur Dekadenz stand, ist mittlerweile fest davon überzeugt: „Es gibt keinen größeren Luxus als unsere Zukunft“.

Die Bereitschaft zur Umkehr ist in der Branche also durchaus vorhanden, wenn zum Teil auch reichlich spät und vielleicht sogar nur gezwungenermaßen. Denn die Millennials als kaufkräftige Zielgruppe haben einen ganz anderen Luxusbegriff als die Generationen vor ihnen. Grün statt Bling-Bling, so lautet ihre neue Shopping-Doktrin. Machten nachhaltige Produkte im vergangenen Jahr laut einer McKinsey-Untersuchung nur 23 Prozent aller Käufe im Luxussegment aus, werden es Ende des Jahrzehnts schon 85 Prozent sein. „An der Entwicklung von nachhaltiger Kleidung“, sagt deshalb Gerd Müller-Thomkins, Chef des Deutschen Mode Instituts in Köln, „geht gar kein Weg vorbei“.

So dürfen sich nun jene Designer bestätigt fühlen, die sich schon sehr lange für andere Formen der Textilproduktion einsetzen, darunter etwa Stella McCartney. Seit nunmehr fast 20 Jahren macht sich die Beatle-Tochter für eine Mode stark, die weder Menschen noch Tieren schadet – seit Juli vorigen Jahres nun im LVMH-Konzern, dem weltweit größten Luxuskonglomerat unter Mehrheitseigner Bernard Arnault.

Dort kann McCartney mit ihrem Label umsatzmäßig zwar nicht mit Marken wie Louis Vuitton oder Christian Dior konkurrieren, aber das ist für den LVMH-Chef scheinbar auch nicht so wichtig. „Ein entscheidender Faktor für den Erwerb einer Minderheitsbeteiligung an ihrem Unternehmen“, sagt Arnault, sei es gewesen, dass „sie die Erste war, die schon ganz früh Nachhaltigkeit und ethische Fragen in den Vordergrund gestellt hat“. Mit der neuen Partnerschaft will der reichste Mann Frankreichs, der in der „Forbes“-Liste nur knapp hinter Weltmeister Jeff Bezos rangiert, offenbar ein Zeichen setzen. Mit Stella McCartney als eine Art oberste Nachhaltigkeitsbeauftragte für seinen eigenen Konzern.

Wobei, die Allererste in Sachen Nachhaltigkeit war Stella McCartney nicht. Der Pionier in dieser Hinsicht stammt aus Italien. Brunello Cucinelli ist sein Name. Bereits vor vierzig Jahren predigte er einen humanitären Kapitalismus“. Anfangs als Spinner und Sonderling abqualifiziert, verzaubert er mit seinen Kaschmirpullovern heute die ganze Welt. Er zahlt seinen Leuten eigenen Angaben zufolge 20 Prozent mehr als die Konkurrenz („weil Handarbeit honoriert werden muss“) und kümmert sich bis heute persönlich um die Haltung der Schafe, die ihm seine Wolle liefern.

Geschadet hat ihm das nicht. Seine Aktien haben sich seit dem Börsengang im Jahr 2012 im High mehr als verdreifacht. Seit Januar dieses Jahres ging es zwar auch für ihn an der Börse nach unten, so wie für alle anderen in der Branche. Aber der bloße Gewinn war für Cucinelli noch nie ein Wert an sich. „Ich will, dass wir alle wieder an große Ideale glauben, an Schönheit, Gerechtigkeit und Tugend“, sagte er einmal. „Eigentlich will ich nur, dass wir alle wieder normal werden“.

Seinen Landsmann Giorgio Armani hat er damit gewiss auf seiner Seite. Und nicht nur ihn allein. Gerade erst haben Gucci und Yves Saint Laurent, beides Konzernmarken des LVMH-Konkurrenten Kering, angekündigt, ihre Kollektionen deutlich reduzieren zu wollen. Seine eigene Frühjahrsmode, so Armani, werde dieses Jahr auf jeden Fall bis Anfang September in den Läden hängen. 

Ich finde, das alles ist schon mal ein Anfang, ein guter und richtiger noch dazu.

Ihr